Dr. Alfred Reichwein, Vorsitzender des Dialogforums

Dr Alfred Reichwein

Dr. Alfred Reichwein ist seit 2019 der Vorsitzende der Kommunalen Arbeitsgemeinschaft Dialogforum Airport Berlin-Brandenburg. Er arbeitete zuvor als stellvertretender Vorstand der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement in Köln und als Senior Manager der Partnerschaft Deutschland GmbH in Berlin. Als CEO und Gründer des Beratungsunternehmens Reichwein Trauth und Partner berät er heute Kunden aus Wirtschaft und Kommunen.

Vordenker der Partizipation und Bürgerbeteiligung

Zu vielen unterschiedlichen Themen hat er die Entwicklung und Umsetzung innovativer Konzepte in Kommunen begleitet und verantwortet. So arbeitete er in den 70er Jahren in einem interdisziplinären Forschungsprojekt, das sich mit Partizipation bei der Altstadtsanierung befasste. Dabei ging er der Frage nach, wie sich die Strukturen einer Stadtverwaltung verändern, wenn es zu unmittelbarer Beteiligung von Bürgern kommt. Die Arbeit befasste sich ebenfalls mit den Möglichkeiten, die Ausprägung von Organisation zu messen. Die damals angesprochenen Themen tauchen in der heutigen Debatte um Wirkungsmessung und Bürgerbeteiligung wieder auf.

 

Weitere wichtige Schwerpunkte seiner Arbeit sind u.a. Organisationsentwicklung, bürgernahe Verwaltung, strategische Managementberatung Öffentlicher Dienste und Betriebe. Er widmete sich der Optimierung von Verwaltungsprozessen und der Entwicklung von Organisationskulturen. Häufig trieb er Innovationen voran und entwickelte Konzepte, die noch heute wirken.

Herr Reichwein lehrte spezielle Soziologie der privaten und öffentlichen Verwaltung an der Gesamthochschule in Wuppertal. Weitere Lehraufträge führten ihn an die Humboldt Universität zu Berlin und die Universität Bochum.

Interview mit dem Vorsitzenden des Dialogforums, Dr. Alfred Reichwein

Seit 2019 steht Dr. Alfred Reichwein der Kommunalen Arbeitsgemeinschaft Dialogforum Airport Berlin-Brandenburg vor und begleitet die Transformation einer ganzen Region.

Warum haben Sie sich zum Vorsitzenden des Dialogforums wählen lassen?

Ich habe mein ganzes Berufsleben in interkommunalen Gruppen agiert. Das heißt, ich kenne die Mentalität der Akteure ganz gut. Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sind pragmatisch. Sie haben keine Zeit, politische Spielchen zu spielen. Sie müssen Probleme lösen und sind dementsprechend – wenn sie gut sind – elastisch in ihrem Denken, ohne ihre Werte zu verraten. Wie gesagt: Wenn sie gut sind. Und unsere Akteure in der Region sind gut. Ich arbeite gern mit ihnen im Dialogforum zusammen.

Was hat sich verändert, seit Sie zum Vorsitzenden des Dialogforums gewählt wurden?

Wirksamkeit und Wahrnehmbarkeit des Dialogforums haben sich verbessert. Wir haben diskutiert, was wir sind, wer wir sind, wofür wir da sind. Wir haben dann unseren Vertrag und die Geschäftsordnung klarer gefasst und das Thema Öffentlichkeitsarbeit und Beteiligung neu akzentuiert. So wurden wir wahrnehmbarer und ergebniswirksamer und konnten gemeinsam den Namen ‚Dialogforum‘ mit Leben füllen. Und diese Entwicklung hat gerade erst begonnen.

Warum passt der Name Dialogforum?

Unser Dialogforum ist wie eine Agora, der Ort der Volksversammlungen der griechischen Polis. Dieser Ort spielte eine herausragende Rolle für das geordnete Zusammenleben in der Gemeinschaft. Daher passt der Name ‚Dialogforum‘ wirklich gut: Leute kommen in unserem Dialogforum – auch digital – zusammen, lernen sich kennen und tauschen sich aus.

Warum ist dieser Dialog nicht öffentlich – anders als die Versammlungen auf der Agora?

Nun zunächst, es gibt durchaus öffentlichen Dialog, das ist die Form, die zunehmen wird. Da es jedoch häufig um Konflikte geht, ist zunächst ein vertraulicher Dialog fruchtbarer. Ich muss in der Lage sein, im Konfliktdialog meine Position zu verlassen und auf den Anderen zuzugehen. Das fällt leichter, wenn nicht viele Zuschauer oder zum Beispiel die Presse im Raum sind. Wenn sich da keiner bewegt, dann haben wir nur verhärtete Fronten. Man muss aufeinander zugehen.

Welche Vorteile hat die Form einer Kommunalen Arbeitsgemeinschaft?

In Brandenburg regelt ein Landesgesetz die kommunale Gemeinschaftsarbeit und wie Kommunen zusammenarbeiten können. Die Kommunale Arbeitsgemeinschaft ist die einfachste, aber auch die am wenigsten verbindliche Form. In der Kommunalen Arbeitsgemeinschaft können wir aber Projekte entwickeln, anstoßen und durchführen. Wir können durch unseren Geschäftsbesorger beispielsweise Planungsaufträge vergeben oder Websites für die Regionen betreiben. Das geht alles. Wir können aber zum Beispiel nicht als Antragsteller in Förderprogrammen agieren, da wir keine eigene Rechtspersönlichkeit sind.

Eine Kommunale Arbeitsgemeinschaft hat wenig juristisch-formales Rückgrat. Ist das nicht ein Nachteil?

Es stimmt, dass das Dialogforum kein juristisch-formales Rückgrat hat. Aber das hat Vorteile, denn damit kann das Ganze beweglich bleiben. Wenn – das ist vorausgesetzt – die Akteure sich zu den vereinbarten Zielen bekennen und ernsthaft mitarbeiten.

Wir können also im Dialogforum vereinbaren, bestimmte Projekte aus dem Gemeinsamen Strukturkonzept GSK umzusetzen, die besonders wichtig für die Region sind. Dann müssen diese Vorschläge in den Gremien von Kommunen und Ländern diskutiert und beschlossen werden. Erst durch diese Beschlüsse bekommen die Vereinbarungen des Dialogforums Rechtskraft.

Wie könnte man dem Dialogforum eine bessere Schlagkraft geben?

Eine mögliche organisatorische Variante wäre, wenn wir einen Zweckverband gründen würden, beispielsweise einen Planungsverband. Ein solcher Verband hätte einen eigenen Personalkörper und die Kommunen müssten verbindlich bestimmte Aufgaben und Personal an diesen Verband abgeben. Dafür gibt es erfolgreiche und gute Beispiele im Land, wie in den Regionen Hannover oder Aachen.

Welche Idee steckt hinter dem Gemeinsamen Strukturkonzept des Dialogforums?

Das Gemeinsame Strukturkonzept (GSK) Flughafenregion Berlin Brandenburg ist die konzeptionelle und strategische Grundlage für die Zusammenarbeit im Dialogforum. Zunächst werden wichtige Planungsdaten aktualisiert. Sie bilden die Grundlage für unsere Diskussionen. Auf dieser Grundlage haben wir Zielvorstellungen und Leitprojekte für die Region zu den Themen Wohnen, Arbeiten, Verkehr und Freiraum formuliert und mit den Beteiligten in der Region diskutiert. Dabei haben wir auch erstmals Vertreter:innen aus den Kommunalparlamenten unmittelbar eingebunden. Wegen der Pandemie nur in zwei Veranstaltungen. Das wollen wir in Zukunft systematischer und umfassender tun.

Was ist Ihr aktuelles Fazit zu Ihrer Arbeit im Dialogforum?

Eine Gruppe mit solch unterschiedlichen Interessen zu gemeinsamem Handeln zu führen ist eine Herausforderung und lohnt den Einsatz. Mit der einvernehmlichen Priorisierung der Leitprojekte aus dem GSK ist das zunächst gelungen. Jetzt kommt es auf die Umsetzung an und dazu benötigen wir Unterstützung. Ich hoffe, dass sich die Länder Brandenburg und Berlin und die Flughafengesellschaft zu ihrer Verantwortung für die Entwicklung der Flughafenregion bekennen und das Dialogforum weiterhin fördern.

Dr. Alfred Reichwein in der Diskussion